SCHÖPFUNG AUS DEM LEHM

 

Der Golem in Geschichte, Mythos und Magie

von Frank Cebulla

 

Teil 1 (erschienen im GOLEM Ausgabe 1 Beltaine 2000)

 

 

"Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll", meinte der Alte zögernd, "die Geschichte mit dem Golem läßt sich schwer fassen. ... Ungefähr alle dreiunddreißig Jahre wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders Aufregendes an sich trägt und  ein Entsetzen verbreitet für das weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung ausreicht ..."1

 

"Die wahren Akte der Erlösung sind zugleich jene, die den größten Skandal bewirken."2

Gershom Scholem

 

"Außer im sinnlichen Eindruck des Fleischlichen gibt es keine Bedeutungen."3

Austin Osman Spare

 

 

 

Als Gustav Meyrinks Roman "Der Golem" 1915 erscheint, unterläuft der Druckerei ein dem ersten Anschein nach verhängnisvoller Fehler: Statt der geplanten 2000 Exemplare laufen 20000 Bücher aus der Presse, die zehnfache Menge und für den damaligen Buchmarkt eine stattliche Auflage. Doch das Unglaubliche geschieht mit Leichtigkeit; die gesamte Auflage ist in kürzester Zeit verkauft! "Es verdrießt mich nämlich, daß, seit Deutschland Œliest¹, Kunstwerke im Winkel sterben, während ein beliebiger Alpendreck mit Ekstase gefressen wird"4, hatte Meyrink einmal in der ihm eigenen bissigen Art geurteilt, aber allein der Erfolg seines eigenen Buches "Der Golem" relativiert diese Aussage nicht unerheblich. Zwischen 1915 und 1922 wird das Buch mehr als 165000 mal verkauft, eine für diese Zeit geradezu gigantische Zahl! Meyrink selbst avanciert zum Bestseller-Autor. "Der Golem" wandert sogar in preiswerter Sonderausgabe als Frontliteratur in die Schützengräben des I. Weltkrieges.

 

Doch wie an anderer Stelle untersucht5, beansprucht das Thema Golem plötzlich allgemein eine besondere Aufmerksamkeit. Schon im 19. Jh. verwendeten Jakob Grimm, Achim von Arnim und E. T. A. Hoffmann die jüdische Legende, doch zu Meyrinks Zeiten kulminierte dieses Interesse noch einmal gewaltig. Allein 29 Autoren des deutschen Sprachgebietes bearbeiteten das Thema in Buchform!

Das Wort Golem bedeutet im Hebräischen soviel wie das Formlose, Ungestaltete, in der mittelalterlichen jüdischen Philosophie auch soviel wie Materie, Stoff, Lehm. Die erwähnte Faszination des Themas, die im Grunde genommen bis heute anhält6, läßt sich aus dieser Begriffsdeutung nur schlecht rechtfertigen. Auch die Golemgestalt selbst, wie sie in jüdischen Legenden und Volkssagen auftaucht, bietet kaum Anhaltspunkte für Begeisterung. Wer möchte schon mit einem stummen, ungefügen Arbeitsknecht in Beziehung treten, dessen tumber Geist allein auf Gehorsam und Kraftausübung, gelegentlich gar auf blinde Aggression und Zerstörung ausgerichtet scheint? Welche tiefen Schichten der Seele werden durch dieses Bild angerührt, welche Dämonen geweckt? Kann man vielleicht gar von archetypischen Quellen sprechen? Um darauf Antworten zu finden, müssen wir weiter zurückgreifen, das Golem-Motiv genauer untersuchen und seine weitreichenden Querverbindungen zu anderen philosophischen, mystischen und magischen Phänomenen aufzeigen. 

Die traditionelle jüdische Volkssage läßt den Maharal von Prag, den Rabbi Löw ben Bezaleel (1513 - 1609), dessen Grab man heute noch auf dem jüdischen Friedhof von Prag verehrt, als Schöpfer des Golem auftreten. Zusammen mit seinem Schwiegersohn und einem Schüler soll er aus dem "jungfräulichen" Uferlehm der Moldau eine Gestalt geformt und mittels von Gebeten und magischenFormeln belebt haben.

Zu den magischen Aspekten dieses Rituals kommen wir später ausführlich zurück.Dieser künstliche Mensch, der Golem, sollte die Juden des Prager Ghettos vor Nachstellungen und Verleumdungen schützen und ging seinem Schöpfer auch bei lästigen Haushaltsarbeiten kräftig zur Hand. Als ihm allerdings einmal die Frau des Rabbis aufträgt, Wasser ins Haus zu tragen, erfüllt der Golem diese Aufgabe in Vollkommenheit. Vom Markt zurückgekehrt findet die arme Frau das ganze Haus voller Wasser. Der Golem trug immer noch unermüdlich Wasser und schüttete es in den ständig überlaufenden Vorratsbottich. Die Verwandtschaft zu Goethes Zauberlehrling liegt auf der Hand.  Doch kann man diese recht späten Legenden schon auf talmudische Berichte aus dem dritten bis vierten Jahrhundert zurückführen, wo es beispielsweise heißt: "Rabha nämlich schuf einen Mann und schickte ihn zu Rabbi Zera. Der sprach mit ihm, und er gab keine Antwort. Da sagte er: Du stammst wohl von den Magiern, kehre zu deinem Staub zurück."7 Nicht von ungefähr brachten bereits frühe jüdische Mystiker den Golem mit der Erschaffung Adams zusammen. Der Name Adam leitet sich direkt von Adama, Erde ab. Im 1. Buch Moses heißt es: "Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen." (1. Moses; 2,7) Im Talmud wird Adam in einer bestimmten Phase seiner Entstehung direkt als Golem bezeichnet und im Psalm 139,15 und 16 findet man die merkwürdigen Sätze: "Es war Dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war ..." Diese Lutherische Übersetzung verbirgt wie so oft das Wesentliche hinter semantischem Unverständnis des Hebräischen, denn im Original steht deutlich: "... als ich noch ein Golem war"!

In einem interessanten Midrasch-Fragment, das bei Scholem zitiert wird, sagt der Rabbi Berachia: "Als Gott die Welt schaffen wollte, da begann er seine Schöpfung mit nichts anderem (!) als dem Menschen und machte ihn zu einem Golem. Als er nun daranging, eine Seele in ihn zu werfen, sagte er: Wenn ich ihn jetzt hinstelle, wird man sagen, er war mein Genosse beim Schöpfungswerk, so will ich ihn als Golem lassen, bis ich alles geschaffen haben werde. Als er alles geschaffen hatte, sagten die Engel zu ihm: Machst du denn den Menschen nicht, von dem du gesprochen hast? Er antwortete: Ich habe ihn längst gemacht, und nur das Einwerfen der Seele fehlt noch. Da warf er die Seele in ihn und stellte ihn hin und faßte die ganze Welt in ihm zusammen."8

 

 

In den alten mystischen Spekulationen wird auch immer wieder darauf hingewiesen, daß Adams erste Frau nicht aus seiner Rippe, sondern ebenfalls aus Erde geformt und belebt wurde. Es handelt sich um Lilith, die aufgrund ihres Unabhängigkeitsdranges und ihrem Begehren, beim Geschlechtsakt mit Adam eine Position über ihm einzunehmen, aus dem religiösen Verständnis der jüdischen Patriarchen verstoßen und dämonisiert wurde.

 

Im Vergleich zu häufig in der Magie gebrauchten Abbildern (Puppenzauber, Sympathiemagie, Voodoo, Psychogone usw.) nimmt die Golemmagie eine Sonderstellung ein, da hier der Lehm tatsächlich zu Fleisch wird oder zumindest werden soll. A. Ballabene weist in seinen Arbeiten zum Golem9 darauf hin, daß bis in die jüngste Zeit in Afrika Lehm, insbesondere roter Lehm als das Fleisch der Erdgottheit betrachtet wurde. Rote Erde oder Röte heißt im Hebräischen Edom, ein interessanter Verweis auf die verfluchten und von Jehova verbannten Könige von Edom. In einem jüngst erschienenen Artikel10 wird herausgearbeitet, daß diese mit dem Dunklen und Bösen assoziierten Mächte das eigentliche Schöpfungsmaterial darstellen, obwohl oder gerade weil sie sich in offenem Widerstreit zum Demiurgen Jehova befinden.

Der in der Tat offensichtliche Zusammenhang der magischen Fertigung eines Golems mit der Erschaffung Adams erweist einen gewissen Teil der jüdischen Mystik als Häresie. Denn natürlich hatten diese eher unorthodoxen Rabbis einen feinen Riecher für die Blasphemie der Golemgeschichten. Indem der Mensch adäquat seiner eigenen Schöpfung ein eigenständiges Wesen kreiert und belebt, stellt er sich auf eine Stufe mit Gott, ob nun in Nachahmung oder gar Konkurrenz bleibt dabei mehr oder weniger

Geschmackssache. An dieser Stelle haben wir einen ersten Kernpunkt der Golemmagie erreicht, nämlich die Anmaßung des Menschen, selbst kreativ wie Gott sein zu wollen und auch zu können! Plötzlich ist es der Mensch selbst, der zu seiner am Anfang der Schöpfung innegehabten Stellung - als die ganze Welt noch in ihm zusammengefaßt war - zurückkehren und zum "Genosse beim Schöpfungswerk" werden will. Er bestimmt, was Realität und Wahrheit ist. Ja, er bestimmt ganz wie Gott über Leben und Tod, was sich in einem anderen Detail der Legenden offenbart.

In vielen Geschichten wird der geschaffene Golem durch zwei Dinge beseelt, den Atem des Magiers und ein magisches Artefakt oder Pentakel, das ihm in den Mund geschoben oder auf die Stirn geheftet wird. Wie bereits erwähnt, wird Adam erst durch das Einblasen oder Einhauchen des Lebensodems eine nephesh chaja, eine lebendige Seele. Innerhalb des Golem-Rituals tut der

Magier dies Gott gleich und belebt den Golem mittels seines Atems. Das Pentakel ist meist ein Stück Pergament, auf dem der Name Gottes JHVH, nach anderen Varianten der 72-buchstabige Gottesname Schemhamphorash steht. Erst der Name Gottes vermag den Golem zu einer lebendigen Kreatur zu machen. Ein beliebtes Erzählmotiv in verschiedenen Golemlegenden besteht darin, daß man den Golem bald nicht mehr beherrschen kann, weil dieser nicht mehr weiß wohin mit seiner Energie oder ständig größer und stärker wird. In diesen Fällen mußte der Rabbi, der den Golem fabriziert hatte, das Pergament wieder entfernen. Der Golem wandelte sich dadurch wieder zu gewöhnlicher Erde und fiel tot zu Boden.

Im Midrasch wird berichtet, daß Gott bei der Schöpfung Adams das Wort emeth, Wahrheit, als eine Art Siegel aussprach, um sein Werk zu vollenden. Die Kabbalisten bestätigten dies, indem sie durch eine kabbalistische Umformung des Wortes emeth den Namen Adam entstehen ließen11. Dies schlägt sich auch in den Berichten über den Golem nieder. In einigen Fassungen steht dem neu geschaffenen Golem emeth, Wahrheit auf die Stirn geschrieben, was ihn zu einer beseelten Schöpfung gleich dem Menschen werden läßt. Doch passiert hier etwas sehr Merkwürdiges. Der Golem selber weist nämlich auf die Gotteslästerung der magischen Tat hin, wird gewissermaßen zum personifizierten schlechten Gewissen des Magie ausübenden und damit die Gesetze Gottes übertretenden Rabbis und befördert sich wieder aus dem Dasein, indem er den ersten Buchstaben von emeth, das Aleph auslöscht. Aus emeth wird dadurch meth, was schlicht tot oder Leichnam bedeutet! In einem von Scholem zitierten Text des Juda ben Bathyra12, in dem der Prophet Jeremia und sein Sohn Sira sich mit Golemmagie beschäftigen, geht es noch

weniger harmlos zu. Dort steht auf der Stirn des geschaffenen Golems JHVH elohim emeth, also soviel wie ŒGott ist Wahrheit¹.

Der Golem nimmt jedoch ein Messer und schneidet das Aleph von emeth weg. Daraufhin zerreißt Jeremia in Entsetzen seine Kleider, denn nun konnten sie dort ŒGott ist tot¹ lesen! Er befragt den Golem nach den Gründen für diese Blasphemie und das Geschöpf antwortet unzweideutig: "Nun ..., wo ihr, wie Er, einen Menschen erschaffen habt, wird man sagen: Es ist kein Gott in der Welt außer diesen beiden!" Man muß diesen Satz sehr genau lesen, um zu begreifen, welcher Anspruch der Magier hier tatsächlich offengelegt wird. Denn der Golem sagt nicht, daß sich nun die Aufmerksamkeit der Menschen von (dem weiter

existierenden) Gott weg auf die erfolgreichen Golemschöpfer richten wird, sondern er sagt mehr oder weniger deutlich, daß es damit gar keinen Gott mehr gibt! Es verwundert nicht, daß Gustav Meyrink, gewissermaßen als moderner Golem-Schöpfer, vierhundert Jahre später ähnliche Sätze zu Papier bringt: "Gott ist das ŒIch¹. Außer dem ŒIch¹ gibt¹s keinen Gott." Oder noch deutlicher: "Einen fremden Gott gibt es nicht. Götter sind dem Menschen untertan."13 Oder aus dem Munde eines anderen berühmten Zeitgenossen Meyrinks: "Es gibt keinen Gott außer dem Menschen." (A. Crowley, Liber Oz).

Die Gottwerdung des Menschen als wiederkehrendes Thema zieht sich durch die Jahrhunderte wie ein roter Faden. Es scheint klar zu sein, daß eine solche Magie noch älter als die ältesten jüdischen Quellen ist und wie selbst Gershom Scholem zugeben muß, bei den magischen Traditionen der "Zauberer und Magier Ägyptens" oder in noch früheren Zeitaltern zu suchen ist. Vielleicht ist es überflüssig an dieser Stelle zu erwähnen, daß es sich bei diesem Vorstellungskomplex der Gottwerdung des Menschen weder um platten Atheismus noch um materialistische Selbstüberhebung handelt. Es geht vielmehr um die vollständige und vollkommene Freiheit und Selbstregierung des Menschen und seine Fähigkeit, endlich alle fremdbestimmten Kontrollen und Manipulationen abzustreifen, um zu dem zu werden, was die alten Initiationsmysterien der Antike genauso wie die Alchemisten des Mittelalters ankündigten: ein König in seinem eigenen Reich! Dieses Königtum ist gleichbedeutend mit der Crowleyschen Lehre von Thelema, in der der Mensch seinen Wahren Willen entdecken und leben muß, um zu seiner göttlichen Essenz zu finden. Einige moderne magische Strömungen (insbesondere z.B. der Temple of Set oder der Typhonian O.T.O. Kenneth Grants) assoziieren dieses Konzept mit der ägyptischen Gottheit Seth, dessen Name unzweifelhaft mit den späteren mythologischen "Outsidern" Shaitan oder Satan verwandt ist14.

 

Die ägyptischen Priester legten viel Wert auf die Verbindung Seths mit dem Sirius oder Sothis und auf die Tatsache, daß dieser Himmelskörper ein Doppelstern-System ist. So wird auch der Golem unter Meyrinks Ausarbeitung und Vertiefung des Themasein mystischer Doppelgänger des Menschen. Meyrink war sein ganzes Leben lang besessen von der Idee des Höheren Selbstes als eine Art Doppelgänger und schrieb auch eigene Erfahrungen mit dem "Vermummten", dem "Lotsen mit der Tarnkappe vor dem Gesicht", dem "unsichtbaren Gärtner" nieder. In "Telefonverbindung mit dem Traumland"15 schreibt Meyrink: "Ich? Wer bin ich? Antwort: ŒDu bist nicht der, der da herumläuft, vom Tagesbewußtsein im Netz der Wirkungen, und nicht der Ursachen, eingefangen! Du bist ein willensunfreier Schatten, der sich zu seinem Unheil einbildet, er sei der geheimnisvolle, der ŒVermummte¹, der den Schatten wirft.¹" Genau wie in Meyrinks Roman ist das normale Leben des Menschen ein Panoptikum der Angst, ein Tagtraum voll "... Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert", die "...lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserem Denken die Grenzen zerfrißt".

 

Nur die Entdeckung des eigenen Doppelgängers, die Kommunikation mit dem Höheren Im Roman gelangt der Held Athanasius Pernath wie in Trance in den geheimnisvollen, von allen Seiten verschlossenen Raum der Altneusynagoge, der keinen Eingang besitzt und aus dem der Sage nach der Golem immer wieder erscheint. Von dort aus blickt er aus dem Fenster und bemerkt an der Aufregung der auf der Straße befindlichen Menschen, die ihn nun entdecken, daß er selbst zum Golem geworden ist. Der versiegelte Raum steht quasi für das Unbewußte des Protagonisten. In ihm findet er die Erfahrung seines Doppelgängers, des Golems als Symbol seines Ur-Wesens, mit dem er wieder kommunizieren muß, um von der Angst der menschlichen Existenz zu gesunden. Damit übersteigt Meyrink die Sichtweise der jüdischen Tradition bei weitem und verwandelt den Golem in eine Allegorie für den göttlichen Wesenskern des Menschen. Schöpfer und Geschöpf sind nun mehr oder weniger austauschbar; die Grenzen zwischen beiden verwischen sich.

Einmal ist der Golem blinde, unbewußte Energie, die durch die Erkenntnis des Menschen ans Licht geholt und transzendiert wird; ein andermal erscheint der Mensch selber als eine Schöpfung seines Golem, der als sein Führer und innerer Meister fungiert!

"Das Einzige, was das Finden wert ist, ist nur das innerste ŒIch¹, jenes Ich, das wir sind und immer waren, ohne es gewußt zu haben."16

 

 

Anmerkungen:

 

1 Gustav Meyrink; Der Golem, Leipzig 1916, S. 77 [Zurück zum Text]

 

2 zitiert nach William Levy; Unser Freund Otto Mühl, Löhrbach 1998[Zurück zum Text]

 

3 zitiert nach M. M. Jungkurth; Zos Kia, Bergen/D. 1993 [Zurück zum Text]

 

4 Frans Smit; Gustav Meyrink, Auf der Suche nach dem Übersinnlichen, München 1990, S. 111 [Zurück zum Text]

 

5 Beate Rosenfeld; Die Golemsage und ihre Verarbeitung in der deutschen Literatur, Dissertation Breslau 1934 [Zurück zum

Text]

 

6 Zur Film-Berlinale 2000 gab es z.B. eine ausführliche Retrospektive zum Thema: Golems, Automaten, künstliche Menschen!

[Zurück zum Text]

 

7 nach G. Scholem; Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen; in: Zur Kabbala und ihrer

Symbolik, Frankfurt/M. 1992, S. 218 [Zurück zum Text]

 

8 Scholem, S. 214 [Zurück zum Text]

 

9 Alfred Ballabene, Die Erschaffung von Golems und Psychogonen; http://www.paranormal.de/magie/vayu/golem2.htm

[Zurück zum Text]

 

10 siehe Die Könige von Edom; AHA 5/99 [Zurück zum Text]

 

11 Für die Kabbalisten unter den Lesern: Aus emeth entsteht durch Temura (Vertauschung) nach der Methode der Aiq Bekar

(Kabbala der neun Kammern) das Wort adam [Zurück zum Text]

 

12 Scholem, S. 234f [Zurück zum Text]

 

13 zitiert nach F. Smit, siehe Anmerk. 4 [Zurück zum Text]

 

14 Set-An. An heißt im Ägyptischen Hund. Die Höllenhunde der verschiedensten Mythologien scheinen also kein Zufall zu

sein. Siehe auch Anubis und den folgenden Absatz über Sirius, den Hundsstern! [Zurück zum Text]

 

15 zitiert nach F. Smit, S. 215 [Zurück zum Text]

 

16 Gustav Meyrink in einem Brief vom 30.6.1917. Zitiert nach F. Smit, S. 225. [Zurück zum Text]

 

 

Teil 2 (erschienen im GOLEM Ausgabe 2 Samhain 2000)

 

 

  “Und alle jene ägyptischen Zauberer, die irgend ein Wesen erschaffen hatten, erkundeten durch  Dämonen oder mit Hilfe irgend einer Weisheit die Ordnungen der Sphären, nahmen Erde von unter dieser Sphäre und erschufen was sie wollten. Hingegen hatten jene Rabbiner, die einen Menschen oder ein Kalb machten, das ŒGeheimnis¹ gekannt; sie nahmen Erde von hinter den Füßen des ŒReitwagens¹, sprachen darüber den Schem, und das Wesen war erschaffen."[1]

 

“Er schuf die Wirklichkeit aus dem Chaos und machte das Nichts zum Sein."

Sefer Jezira II,6 [2]

 

   “Bezalel wußte diejenigen Buchstaben zusammenzufügen, mittelst welcher Himmel und Erde geschaffen worden sind."

Berachoth 55a[3]

 

Unter der unbewußten oder tatsächlichen Tarnkappe des frommen Werkes und der Gottesfurcht waren die alten rabbinischen Magier - zwar sicher in unterschiedlichen Abstufungen - offensichtliche Ketzer, die sich auf eine Stufe mit Gott stellten und gleich ihm

 

 

 

fähig waren (oder sein wollten), aus Lehm ein Wesen zu formen und mit Hilfe des Lebensodems und kabbalistischer Formeln zu beleben. Diese Anschauung dürfte aus dem ersten Teil dieses Artikels klar geworden sein und erscheint zudem in einem noch viel krasseren Licht, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in der Thora, dem Heiligen Gesetz des Judentums, an dem kein sprichwörtliches Jota geändert werden darf, jedwede Art von Orakel, Wahrsagerei, Beschwörung oder gar Zauberei bei schlichter Todesstrafe (!) verboten ist. “Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschwören oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben; man soll sie steinigen; ihre Blutschuld komme über sie" (Lev. 20,27)[4].

 

Für die Talmudisten als Vertreter des jüdischen Gesetzes begann der Aberglaube dort, wo die herrschende Religion aufhörte[5]. Interessanterweise nannten die Talmud-Lehrer den magischen “Aberglauben" oft “die Sitten des Emori". Mit Emori waren die Amoriter gemeint, einer der sieben kanaanitischen Stämme, die durch die israelitische Einwanderung ins “Gelobte Land" vertrieben, letztendlich ausgelöscht wurden. Nach der Ursilbenlehre kann man diese Amoriter auch als A-Mor-i = Unsterbliche verstehen[6], gewissermaßen als Spezialisten der magischen Gottwerdung des Menschen!

Wenden wir uns jedoch im folgenden einer Frage innerhalb des Golem-Themas zu, die sich weniger am spekulativen Mystizismus, als an einer wie auch immer gearteten Realität orientiert: Was also taten die altjüdischen Magier bei der Erschaffung eines Golems wirklich? Muß man davon ausgehen, daß es wirkliche Golems gegeben hat, aus Lehm geformte und zauberisch belebte Wesen und wenn ja, wie wurden sie hergestellt? Oder bleibt alles mystische Fiktion, märchenhafte Volkslegende?

Um uns der Beantwortung dieser Frage zu nähern - und mehr als eine Annäherung scheint kaum möglich -, müssen wir uns in die verwickelten und rätselhaften Tiefen der Kabbala stürzen und um das Verständnis ihrer Geheimnisse ringen.

Um einen Golem zu erschaffen, soll man den alten Überlieferungen zufolge in festgesetzter, streng ritueller Art und Weise vorgehen. Der Magier arbeitet nicht allein, sondern holt sich mindestens zwei weitere “Kollegen" zur Unterstützung[7]. Die angehenden Golemschöpfer reinigen sich vor Beginn der Arbeit sowohl physisch als auch spirituell (durch das Sprechen von Psalmen und Gebeten) und legen weiße Gewänder an. Gearbeitet wird nachts, vorzugsweise in der vierten Stunde, “wo das Dunkel am dichtesten ist und an die Zeit vor der Erschaffung der Welt erinnert."[8] Der Golem wird aus “jungfräulichem" Lehm geknetet, Erde von einem Ort also, wo kein anderer Mensch vorher gegraben hat und der daher unberührt ist. Für das Kneten verwendet man außerdem reines (Frühlings-)Wasser direkt aus der Erde; in einem Gefäß transportiertes Wasser ist wertlos. Nach dem fertigen Formen der Golem-Gestalt kann man mit dessen Belebung durch magische Formeln beginnen. Spätestens an dieser Stelle sehen wir uns einem hoffnungslosen Durcheinander von Verfahren gegenüber, die es einem schwer machen, eine wirklich nachvollziehbare oder gar praktikable Variante herauszufiltern. In den einfachen Volkslegenden umschreiten die Magier den liegenden Golem jeweils sieben Mal, während sie den Elementen zugeordnete Anrufungen intonieren. Aus dem evozierten Feuer erhält der Golem seine Lebenskraft und erhitzt sich bis zur Glut; die Kräfte des Wassers löschen diese Glut und lassen aus der warmen Feuchtigkeit den physischen Körper mit Haaren, Haut, Blut, Nägel usw. entstehen; die angerufene Elementarkraft der Luft bringt als letztes den Geist. Dem Golem wird dann ein Pergament mit einem “Zauberspruch" unter die Zunge gelegt und damit endgültig auf die Beine geholfen. Der Inhalt des “Zauberspruchs" bleibt trotz Hinweis auf den Gottesnamen (auf den wir noch zurückkommen) nebulös. Selbst ein mit den Elementalen auf Du und Du stehender Magier dürfte mit dieser Vorgehensweise seine Probleme haben, weshalb wir diese Berichte getrost in den Bereich des Fabelhaften verweisen können.

 

 

Etwas völlig anderes ist es, wenn wir auf die Anweisungen der alten Kabbalisten selbst und damit auf die Verwendung des heiligen hebräischen Alphabetes mit seinen 22 Buchstaben zurückgreifen. In fast allen alten Hochkulturen besitzt die Benutzung der jeweiligen Alphabete etwas unbestreitbar Magisches.

“Am Anfang war das Wort"[9], heißt es und so sind die Bestandteile des Wortes, die Buchstaben, ebenfalls von göttlicher Schöpferkraft erfüllt[10].

 

“Die Buchstaben des Alphabets, um wieviel mehr noch die des Gottesnamens oder gar die der ganzen Tora, die ja das Instrument Gottes bei der Schöpfung war, haben geheime, magische Gewalt."[11] Bleiben wir vorerst beim Gottesnamen als mächtigstem Instrument der magischen Schöpfung. Dem fertigen Golem wird ein Schem in den Mund geschoben, auf dem der magische Name Gottes steht und der ihn endgültig zu einem lebensfähigen und beseelten Wesen macht. Schem, mw, bedeutet selbst Name oder Zeichen[12]. In Jesaja 42,8 steht: “Ich bin hvhy, so ist mein Name."[13] hvhy, JHVH, ist das berühmte Tetragrammaton, der vierbuchstabige Heilige Name Gottes, zu dem auch Crowley in seiner “Magick" bereits einige denkwürdige Sachen geschrieben hat[14]. Gelegentlich wird behauptet, daß es keine (richtige) Aussprache für JHVH gibt, aber die vielen Verbote in den jüdischen Gesetzen, den Namen auszusprechen, zeigen, daß ursprünglich sehr wohl eine existierte. Da jedoch das Aussprechen des Tetragrammaton “Welten erschaffen und zerstören" kann, ersetzt man noch heute beim Vorlesen der Thora JHVH durch Adonai. In älteren Zeiten wurde JHVH durch hy, JH (Jah gesprochen) oder doppelt hyhy repräsentiert. Der Gottesname durfte - einmal geschrieben - nicht gelöscht oder radiert werden, auch nicht einzelne Buchstaben. An einer Stelle des Talmuds heißt es: “Wenn jemand einen Gottesnamen schreibt, darf er nicht einmal dem ihn begrüßenden König antworten, bevor er geendet hat."[15]

Besonders in der zauberischen Tradition steht häufig vhy, JHV in Vertretung für das vollständige Tetragrammaton. Dies geschieht nicht ohne Grund. Die erwähnte zauberische Tradition fand ihren Niederschlag in sogenannten Zauberpapyri, von denen heute noch einige in Museen verstauben und die meist in griechischer Sprache geschrieben sind. Wenn wir vhy, JHV (gesprochen Jaw) ins Griechische übertragen und wissen, daß das hebräische Waw v nicht nur v (w), sondern auch o sein kann, erhalten wir IAO, den Heiligen Namen der Gnostiker, dem ebensoviel Macht zugesprochen wurde![16]

Neben dem Tetragrammaton behauptet die Sekundärliteratur zum Golem oft, daß der sogenannte Schemhamphorash, wrvpmh mw, der 72-buchstabige Name Gottes als belebende Kraft verwendet wurde. Daneben werden auch rätselhafte 12- und 48-buchstabige Gottesnamen erwähnt. Die diesbezüglichen Spekulationen sind völlig unklar und so gibt auch Ludwig Blau in seinem Buch “Altjüdisches Zauberwesen" unumwunden zu: “Über wrvpmh mw weiss man nicht mehr aus und ein vor lauter Erklärungen."[17] Oft wird als Lösung des Problems angegeben, daß es sich beim Schemhamphorash um die jeweils 72 Buchstaben der Verse 19 - 21 im Buch Exodus (2. Buch Moses) der Thora handelt. Doch schauen wir uns einmal folgendes kabbalistisches Schema an:

 

                                             hvhy

                                            hvhy h

                                            hvhy hv

                                           hvhy hvh

                                           hvhy hvhy

                                          hvhy hvhy h

                                         hvhy hvhy hv

                                         hvhy hvhy hvh

                                         hvhy hvhy hvhy

 

Es stellt eine Ausformung des Tetragrammatons zu dreifacher Vervielfältigung dar. Die erste Zeile ist der 4-buchstabige Name; die letzte Zeile enthält 12, die letzten vier Zeilen aber 42 Buchstaben. Das gesamte Schema besteht aus 72 Buchstaben![18] Meiner Meinung nach haben wir hier möglicherweise den eigentlichen Schem vor uns, der dem werdenden Golem unter die Zunge geschoben wurde und die Kraft besitzt, ihn zu einer nephesh chaja, hyc wpn, einer lebendigen Seele, zu machen[19]. Wenn man sich zudem die elementaren Zuordnungen des Tetragrammatons anschaut, wird klar, warum immer drei Magier zusammenkommen und diese die aktiven Elemente

repräsentieren müssen:

 

y  = 2. Sephira Chokmah  =  Wasser  =  m  =  rechte Säule im Baum des Lebens

h  =  3. Sephira Binah  =  Feuer  =  w  =  linke Säule

v  =  4. - 9. Sephira  =  Luft  =  a  =  mittlere Säule

 

Die den Elementen zugeordneten, sogenannten Mutter-Buchstaben w, m und a ergeben zusammen das Wort amw, Schema![20]

Bevor man jedoch den Golem mit dem Schem endgültig erweckte, mußten alle seine Glieder einzeln belebt werden. Um dies zu bewerkstelligen, griff jeder Adept, der etwas auf sich hielt, auf die verschlüsselten Anweisungen eines uralten Buches zurück, dessen Ruhm in der Kabbala seinesgleichen sucht: das Sepher Jezira oder Buch der Schöpfung. Dieser wahrscheinlich ca. 2000 Jahre alte Text vermittelt in einer schwer zu verstehenden mystischen Sprache die magische Anwendung der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und wurde demzufolge (zusammen mit dem fast unbekannten Manuskript des Sepher Raziel) zu Zauberzwecken benutzt. Im Vers 2:2 heißt es: “Zweiundzwanzig Buchstaben: Er gravierte sie, Er meißelte sie, Er permutierte sie, Er wog sie, Er transformierte sie, und mit ihnen bildete Er alles, was geschaffen ward, und alles, was geschaffen wird."[21] Mit dem Er ist zweifellos Gott gemeint, doch durch das Fehlen der Vokale in der hebräischen Schrift kommt ein merkwürdiges grammatikalisches Phänomen zustande: die in ausnahmslos allen Übersetzungen angegebene 3. Person ist nämlich auch durch den Imperativ ersetzbar. Damit liest sich der Vers auf einmal ganz anders: “Graviere sie, meißele sie, permutiere sie ..." usw. - eine unmißverständliche Aufforderung zu magischem Handeln (wenn man weiß, was mit gravieren usw. wirklich gemeint ist)!

Gemäß dem Thora-Satz “Die Erde war Chaos und Leere" (Gen. 1,2)[22] definiert das Sepher Jezira das Chaos als Ursubstanz der magischen Schöpfung. In dieses Sein, das eigentlich Nichtsein ist (oder beides) stellt der Text die geheimnisvollen 231 Tore “in einem Kreis wie eine Mauer", die aus den 22 Buchstaben gebildet werden. Sie stellen die 231 mathematisch möglichen Verbindungen zweier Buchstaben des Alphabets dar, wenn sich keine Kombination wiederholt[23]:

In der Kabbala (z.B. auch im Sohar) ist häufig von den “32 Pfaden der Weisheit" die Rede. Das hebräische Wort für Pfad, bytn, Nativ hat den Wert 462, also exakt 2 x 231. In einer Matrix von 231 Verbindungen gibt es jeweils 462 Buchstaben. Die beiden Konzepte für die Pfade sind also verwandt[24]. Seltsamerweise sind die von den Kabbalisten konstruierten Matrizen (11 an der Zahl[25]) nicht mit der logischen Matrix, wie sie aus einer mathematischen Kombination der Buchstaben entsteht, identisch. Es ist nicht klar, ob dies nur der Verwirrung und Tarnung des magischen Wissens diente oder aus welchen Gründen sie dies taten. Offensichtlich wurden jedoch gerade diese elf Matrizen zur Schaffung eines Golems verwendet.

 

   

                                                    

An dieser Stelle müssen wir uns auf das Wesentliche beschränken, da die Darstellung der komplizierten Materie leicht ein kleines Buch füllen würde. Das kabbalistische Ritual bestand darin, jeden Buchstaben zu visualisieren (=gravieren), im Bewußtsein zu halten und von anderen Gedanken abzutrennen (=meißeln) und ihn mit den anderen Buchstaben im Sinne der 231 Tore zu kombinieren (=permutieren). Der Kreis mit allen Toren mußte vollständig visualisiert werden, was für sich allein schon als eine unübertreffliche Leistung erscheint. Die Tore (=Paare) wurden dann Buchstabe für Buchstabe vibriert oder gesungen - zuerst Aleph mit allen Buchstaben, dann weiter zu Beth mit allen Buchstaben usw. den gesamten Kreis hindurch. Ein anderes Verfahren bestand darin, die Paare der erwähnten Matrizes zu intonieren. Doch der Schwierigkeit nicht genug. Jeder Buchstabe eines Paares wurde beim Singen mit allen fünf Vokalen (u, a, i, e, o) und den vier Buchstaben des Tetragrammaton kombiniert. Für Aleph a und Beth b sieht das z.B. so aus:

 

 

Über die Reihenfolge der Vokale gibt es je nach Quelle unterschiedliche Auffassungen. Aryeh Kaplan, der brillante Kommentator des Sepher Jezira, hält es für “gefährlich", Experimente zur Ermittlung einer “richtigen" Reihenfolge anzustellen. Abu Abulafia schlägt sogar nicht nur die 20 einmaligen, sondern die 50 möglichen (incl. Der Umkehrungen) Kombinationen vor.[26] Jeder Buchstabe des Alphabets ist auch einem Körperteil zugeordnet. Um einen Golem zu schaffen, muß man Glied  für Glied durch die Intonierung der entsprechenden Buchstaben-Matrizen kreieren, darf dabei aber die bereits geschaffenen Glieder nicht aus der mentalen Konzentration entschwinden lassen. Wiederum eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe! Die Kabbalisten lehren, daß das gesamte Werk im “Chokmah-Bewußtsein" durchzuführen ist. Binah repräsentiert dabei das Chaos (Feuer), aus dem durch Chokmah (Wasser) Strukturen herausgelöst werden. Chokmah, hmkc hat den Zahlwert 73 - genau wie Golem, mlg!

 

Das Singen der Buchstaben soll möglichst schnell und ohne Absetzen praktiziert werden. Wenn man es schaffen sollte, etwa zwei Aussprachen pro Sekunde zu intonieren (ziemlich schnell), benötigt man nach meiner Berechnung ca. 30 Stunden ununterbrochenen Intonierens, um den Golem zu vollenden! Dabei versteht es sich von selbst, daß man die Tore der Matrizen möglichst auswendig können und nicht ablesen sollte. Ein gigantischer Akt! Vergegenwärtigt man sich noch einmal in Ruhe, was in diesem Ritual stattfindet, so ist klar, daß es sich im eigentlichen Sinne um eine durch mantrisches Singen höchster Komplexität induzierte magische Trance handelt. Es wundert daher nicht, daß sich die Vertreter der ekstatischen Kabbala, allen voran der berühmte Abu Abulafia, für diese “Übung" interessierten. Sie sahen die Golemmagie ausdrücklich nicht als materiellen Vorgang, sondern als imaginären, meditativen Schöpfungsakt, der der Prüfung der Fähigkeiten des kabbalistischen Adepten diente und selbst den fähigsten Meistern alles abverlangte.

 

Damit wäre der Golem ein astral geschaffenes Wesen und Abulafia verspottete folgerichtig all diejenigen als “närrisch", die glaubten, mit Hilfe des Sepher Jezira Kälber, Hirsche[27] oder gar Menschen machen zu können.Ein aus Lehm geformter Körper hätte dann maximal als Konzentrationshilfe dienen können. Auf der anderen Seite läßt sogar ein so moderner Autor wie Kaplan durchblicken, daß materielle, aus Lehm geschaffene Golems zwar selten, nichtsdestotrotz aber existierten und produziert damit das Geheimnis von neuem. Die Künste des Sepher Jezira werden von den Kabbalisten auf den Stammvater Abraham zurückgeführt, denn im Text heißt es: “Und er [Abraham] band die 22 Buchstaben der Thora an seine Zunge ... Er zeichnete sie in Wasser. Er flammte sie mit Feuer. Er erregte sie mit Geist ... usw." (6:7). Abraham schien sehr erfolgreich mit seiner Magie gewesen zu sein. Im Vers 5 der Genesis (1. Moses) heißt es, daß Abraham und Sara “die Seelen, die sie in Haran gemacht hatten" mit auf ihre Wanderung gen Westen nahmen![28]

Das hebräische Wort für Seelen, Nephaschoth aber kann auch Personen oder menschliche Körper bedeuten ... 

 

Anmerkungen:

[1] R. Mose Taho, “Schrift der Aufrichtigkeit" (13. Jh.), zitiert nach Hans Ludwig Held, Das Gespenst des Golem, München 1927 [Zurück]

[2] Aryeh Kaplan, Sefer Jezira - Das Buch der Schöpfung in Theorie und Praxis, Berlin 1994 [Zurück]

[3] Nach einem talmudischen Bericht des Rabha, zitiert nach Ludwig Blau, Das altjüdische Zauberwesen, Budapest 1898 o. Graz 1974 [Zurück]

[4] siehe auch Ex. 22,17 und Deut. 18, 9 - 13! [Zurück]

[5] “Das Wunder ist legitime Zauberei, die Zauberei ist das illegitime Wunder." (Soldan)[Zurück]

[6] Mor - siehe mort[e] (in roman. Sprachen für Tod), mortal[ly] (im Engl.), Mortalität (Sterberate), morbid, Moor, Morast u.ä., außerdem Amor (nach Hesiod “der schönste der ewigen Götter" mit dem Chaos als Urmutter), amorph, Amortisation, amoroso, amoralisch usw.

[Zurück]

[7] In einigen Berichten repräsentieren die drei Magier die drei Elemente Feuer, Wasser und Luft, während der Golem selber für die Erde steht.

[Zurück]

[8] Eduard Petiska, Der Golem, Jüdische Märchen und Legenden aus dem alten Prag, Berlin 1972, S. 77 [Zurück]

[9] Joh.-Ev. 1,1 [Zurück]

[10] Zu Wissen und Brauchtum um das Alphabet siehe Franz Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie, Leipzig 1922. Es gab auch

eine Vielzahl diesbezüglicher Volksbräuche, die nicht zuletzt noch heute in Alphabetkuchen, Russisch Brot oder Suppennudeln das beredte Bemühen aufzeigen, die “Weisheit mit Löffeln zu fressen". [Zurück]

[11] Gershom Scholem, Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen, in: Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Frankfurt/M. 1992, S. 219 [Zurück]

[12] Zahlwert 340. Worte mit gleichem Zahlwert (die nach der Kabbala alle in einem inneren Zusammenhang stehen) sind z.B. Hüter, Buch, Schreiber, Schrift, Tätowierung, Sicherheit u.a. [Zurück]

[13] Die Lutherische Übersetzung ŒHerr¹ für hvhy wird dem komplexen Prinzip des Tetragrammaton nicht mal annähernd gerecht. [Zurück]

[14] Aleister Crowley, Magick, Bergen 1992, Bd. 1, S. 295 [Zurück]

[15] zit. nach Blau [Zurück]

[16] Crowley ist der Auffassung, daß IAO und Tetragrammaton zwar etymologisch miteinander verwandt sind, sonst aber zwei völlig verschiedene Konzepte darstellen. Ich bin da anderer Meinung. Der gemeinsame Ursprung von Gnosis, jüdischen Mysterien und antiker Magie liegt in Ägypten. In den Anrufungen der Zauberpapyri (z.B. Pap. Paris 3025) stehen reihenweise jüdische, antike und ägyptische Gottesnamen nebeneinander, von gestrengem jüdischem Monotheismus, der selbst auch nur ein Abbild der ägypt. Amarna-Zeit ist, kann keine Rede sein. [Zurück]

[17] Blau, S. 124 [Zurück]

[18] Blau, S. 144 [Zurück]

[19] Ein anderes überliefertes Schema zeigt folgende Anordnung:

                                               y

                                              hy

                                             vhy

                                             hvhy

 

Mit den bekannten Zahlwerten y=10, h=5 und v=6 ergibt sich:

 

1.  Zeile:                10

2.  Zeile:                15

3.  Zeile:                21

4.  Zeile:                26

                        = 72 !

 

Doch ist zu beachten, daß hier die 72 nicht die Anzahl der Buchstaben, sondern den sich als Summe ergebenden Zahlwert darstellt. Held, S. 193 [Zurück]

[20] Die in der modernen magisch-kabbalistischen Literatur Bewanderten mögen sich über die Zuordnungen Chokmah - Wasser und Binah - Feuer wundern, doch sind diese die authentischen Korrespondenzen des Sepher Jezira. Zu näheren Kommentaren siehe Kaplan, Sepher Jezira.

[Zurück]

[21] Kaplan, S. 126 [Zurück]

[22] Im Hebräischen vht, Tohu und vhb, Bohu, woher auch unser umgangssprachlicher Ausdruck Tohuwabohu für ŒDurcheinander¹ herrührt. Luther übersetzte: “Und die Erde war wüst und leer" und verfehlte wie immer dabei das Wesentliche. Kaplan schreibt in seinem Jezira-Kommentar: “Tohu kennzeichnet reine Substanz, die keinerlei Information beinhaltet. Bohu ist reine Information, die sich auf keinerlei Substanz bezieht." (Kaplan, S. 100)[Zurück]

[23] A und B wird z.B. also nur einmal verbunden, die Kombinationen AB und BA gelten als gleich. [Zurück]

[24] Interessant auch, daß selbst Israel, hebr. larwy Ishrael durch eine kabb. Umformung auf 231 zurückgeführt wird: alr wy bedeutet

nämlich ŒDa sind 231"! [Zurück]

[25] Eigentlich gibt es für jeden Buchstaben eine Matrix, wobei jede Zeile der Matrix mit diesem Buchstaben beginnt. Doch ab dem 12. Buchstaben sind die Matrizen nur noch Umkehrungen der Paare der ersten 11 Matrizen. Man sagt, daß die ersten 11 Matrizen die Sephiroth (einschl. Daath) repräsentieren, die anderen 11 Matrizes dagegen die Rückseite des Baumes mit den Kellipoth! [Zurück]

[26] Also AoYo, AoYa, AoYi, AoYu, dann AaYo, AaYa, AaYe usw. durch alle Vokale, dann YaAo, YoAa, YoAe usw. und das wiederum durch die vier Buchstaben des Tetragrammatons hindurch. [Zurück]

[27] “Jehoschua ben Hananja habe sich gerühmt, mit Hilfe des Buches Jezirah aus Gurken und Kürbissen Hirsche und Rehböcke machen zu können" (Sanhedrin VII, Hal. 19); Held, S. 36 [Zurück]

[28] Luther übersetzte falsch: “... die Menschen, die sie erworben hatten". [Zurück]

 

Bilder in diesem Artikel:

Die 231 Tore, die Matrizes und Vokalisierungen stammen aus: Aryeh Kaplan, Sefer Jezira, © Rita Ruther Verlag, Edition Gaia, Berlin 1994

Titel: Hadit Verlagsarchiv Kabbala-Montagen:http://web.wt.net/~cbenton/hoj.htm

Golem am Ende: http://members.tripod.co.uk/Blacklotus/Members.htm

Sefer Jezira (engl.) im Internet: http://web.wt.net/~cbenton/sefer/sefer.htm

 

Teil 3 (erschienen im GOLEM Ausgabe 3 Imbolc 2001)

 

 

 "Deshalb muß eine höhere Kultur dem Menschen ein Doppelgehirn geben, einmal um Wissenschaft, sodann um Nicht-Wissenschaft zu empfinden: Im einen Bereich liegt die Kraftquelle, im anderen der Regulator."

Friedrich Nietzsche

 

    "Nach R. Jeremija ben Eleasar bildete Gott in der Stunde, wo er den ersten Menschen erschuf, ihn als Androgynos, wie es heißt ŒMann und Weib erschuf er sie!"

Rabba, Midrasch Beresch

 

 

 

In den ersten beiden Teilen dieser Artikelserie habe ich versucht, einen zusammenhängenden und zusammenfassenden Einblick in die magische Materie der Golem-Sage zu geben und ihren tiefgründigen, okkult-kabbalistischen Hintergrund zu beleuchten. Doch ein wirklicher Mythos zeichnet sich dadurch aus, daß eine klare Deutung seines Inhalts und Fundaments nicht nur nicht möglich erscheint, sondern auch wenig hilfreich. Gerade im Gegensatz dazu werden im Laufe der Bearbeitung eines mythischen Themas eine ganze Reihe von vorher verborgenen Ebenen offenbar, die den Blick in neue, genauso aufregende Gefilde weiterlenken. In dem Sinne bietet dieser dritte und letzte Teil eine eher lose Zusammenstellung von Ideen, Verknüpfungen, Assoziationen und Wissens-Bausteinen zum Golem-Thema, die einen offenen Horizont zurücklassen und Möglichkeiten für eigene weiterführende Gedanken und Forschungen bieten sollen.

 

1. Zusätzliche kabbalistische Details:

 

Beginnen wir mit einigen ergänzenden kabbalistischen Informationen, die dem Stoff, aus dem die Golem-Überlieferung gewebt ist, noch sehr nahe liegen. Das Wort ŒGolem¹ wird im Hebräischen GLM, mlg geschrieben[1]. Ein Grundaxiom der Kabbala besteht darin, auf den inneren, okkulten Zusammenhang von Worten zu verweisen, die den gleichen Zahlenwert besitzen. Da im Hebräischen Buchstaben immer auch gleich Zahlen sind, erhält man den Zahlenwert durch einfaches Bilden der Quersumme:

 

m + l + g = mlg

40 + 30 + 3 = 73

 

Worte mit dem gleichen Zahlenwert wie Golem (73) sind z.B. Belial, der Buchstabe Gimel ausgeschrieben lmg, vollbringen, unedel, Sichel und die Sephira Chockmah hmkc[2]. Für den ersten Blick scheint dieser "semantische Salat" keinerlei Bedeutung zu besitzen, doch schauen wir kurz zurück: Die Rabbis weisen darauf hin, daß das Werk der Golem-Magie in reinem Chockmah-Bewußtsein vollbracht werden muß. Während der Magier selbst ohne Sünde (edel) sein soll, knetet er den unedlen (geistlosen) Körper des Golem mit dem Lehm von Mutter Erde und Wasser. Der fertige Golem ist dem Willen des Magiers unterworfen und kann durch diesen wieder dem Tod anheimfallen (Sichel). Außerdem hat der Buchstabe Gimel g den Zahlenwert 3 und verweist damit auf die 3. Sephira im kabbalistischen Lebensbaum Binah, die Mutter und auf den dritten Tarottrumpf (II Die Hohepriesterin). Gimel ist im Lebensbaum dem Pfad zwischen Tiphareth und Kether zugeordnet, die Verbindung des Höheren Selbstes mit der schöpferischen Quelle des Universums. Oder anders ausgedrückt: Durch die Verbindung des Magiers mit seinem

Höheren Selbst vermag er zur Fähigkeit der göttlichen Schöpferkraft aufzusteigen. Gimel g findet sich im Wort Golem selbst (GLM), dazu noch Mem m (= Wasser) und Lamed l (= Ochsentreibstock). Im Sepher Jezira, dem Buch der Schöpfung, wird Chockmah direkt dem Element Wasser zugeordnet. Vor unseren Augen entsteht damit eines jener merkwürdigen symbolischen Netze, wie sie die Kabbala so oft offenbart.

Der Golem ist vorerst nichts weiter als Wasser (m) und Erde (= Malkuth = 10 = 7 + 3 = 73 = mlg), wird aber durch das magische Feuer[3] des Magiers mit luftigem Geist (a = 1) belebt. Fügen wir zur 73 noch diesen Luftanteil (1) hinzu, ergibt sich 74 (7 + 4 = 11). Mit 74 korrespondieren solche Worte wie Führer, Oberhaupt, Wellenschlag, Wissen, der Buchstabe Lamed ausgeschrieben dml, Geschlecht, Beute, Menstruation, Zeugnis, Ewigkeit u.a. Wir finden hier auch den dritten Buchstaben von mlg, das Lamed l.

Seine Bedeutung ŒOchsentreibstock¹ verweist auf Ideen wie Gehen, Antrieb, Willen, Geführtwerden, Verbindung zum Ochsen (Aleph), sexuelle Metaphern, Fruchtbarkeit usw.

Das Wort ŒGolem¹ mit den ausgeschriebenen Buchstaben zusammengesetzt

 

mym (90) + dml (74) + lmg (73)

 

ergibt 237. Dieser Zahl ist Rahael, der Engel der 3 der Kelche zugeordnet. Die Tarotkarte trägt den Namen 'Fülle' und symbolisiert Zeugung und Fruchtbarkeit aus den Wassern der Empfängnis. "Wir sind gehende und sprechende Pfützen Š"[4] Mem (Wasser) verkörpert selbst dieses Konzept, indem es (in seiner ausgeschriebenen Form mym) neben dem m für Wasser auch den Buchstaben Jod y, ein Symbol für das Spermatozoon, enthält (mym).

 

 

 

Sehen wir uns die Pfade im Lebensbaum an, die mit den drei Buchstaben von GLM, mlgzusammenhängen, erkennen wir einen ununterbrochenen Pfad von Hod, der 8. Sephira, über Geburah und Tiphareth hinauf zu Kether, der Krone (siehe Abb.). Es handelt sich um eine Transzendierung des Verstandes (Hod) durch die feurigen (und weiblichen) Qualitäten der 5. Sephira Geburah (Furcht, Strenge) hin zu Tiphareth, der Sephira des Höheren Selbstes (oder Heiligen Schutzengels), das den direkten Draht zum Höchsten bereit hält (Pfad Gimel zu Kether). Der am Anfang des Abschnitts erwähnte Belial (Zahlenwert 73) ist der Dämonenkönig von Hod!

 

 

Hod (8) + Geburah (5) + Tiphareth (6) + Kether (1) = 20

20 ist die Zahl des (ausgeschriebenen) Buchstabens Jod, dvy, dem Vater im Tetragrammaton und - wie bereits bemerkt - ein (hieroglyphisches) Spermatozoon. Auch hier findet man also sehr deutlich den Bezug zu Schöpfung, Zeugung etc. Mit der Zahl 20 korrespondiert auch das hebräische hyh, das  Œda sein¹, Œexistieren¹, Œins Dasein gesetzt werden¹ bedeutet!

Die Summe der Tarottrümpfe, die diesen Pfaden zugeordnet sind, beträgt

Der Gehängte (XII) + Ausgleich (VIII) + Die Hohepriesterin (II) = 22

Die Zahl 22 ist ein Symbol der Magie des Doppelgängers und der mystischen Vereinigung mit ihm. Vereinigung ist im Hebräischen dcy und hat den Zahlenwert 22!

 

2. Die Heilige Hochzeit

 

Die Tatsache, daß der Golem aus jungfräulicher Erde gemacht wird, deutet auch den mythisch weit verbreiteten Komplex der Heiligen Hochzeit (hieros gamos) mit der Erde an, wie sie in vielen Kulturen und religiösen Schöpfungsgeschichten berichtet wird. Auch die alten Kabbalisten faßten de Genesis-Vers (1, 24): "Die Erde bringe lebende Seele hervor" durchaus wörtlich auf, indem sie die Erde als Ur-Wesen betrachteten und sich eine Hochzeit zwischen ihr und Elohim, dem Schöpfergott, dachten. Aus dieser Vermählung entsprang Adam, dessen Name ja mit Adama, Erde, verwandt ist.

Häretische jüdische Gnostiker sahen dieses Erdwesen als Schlange an und nannten sie Edem[5]. Die Hochzeit zwischen Gott und Erde spielte auch in der spanischen Kabbala eine bedeutende Rolle, vor allem aber in jenen jüdischen Kulturbereichen, wo die Golemsage auch verbreitet war. Eine Verbindung zwischen beiden Vorstellungen scheint naheliegend. Meiner Meinung nach ist es sehr gut denkbar, daß darin sehr alte heidnische, vielleicht sogar schon neolithische Ideen der sexuellen Verbindung zwischen Göttin und Gott als Ur-Akt jeglicher Schöpfung wiederkehren. Gershom Scholem weist in seiner Arbeit über den Golem darauf hin, daß in diesen gnostisch-kabbalistischen Theorien der Geist Adams, ruach, kein von oben eingeblasenes Pneuma ist, sondern "eine der Erde innewohnende vitale Potenz."[6]

Dies zeigt wiederum, wie weit einzelne kabbalistische Schulen von der orthodoxen jüdischen Lehrmeinung entfernt waren. Bekannt - z.B. auch in keltischen Mythen - ist die Tatsache, daß die Heilige Hochzeit oft stellvertretend von Menschen (meistens Priestern und Priesterinnen) vollzogen wurde, beispielsweise als Hochzeit des jeweils herrschenden Königs mit seinem Land (der Erde!)[7]. Der Eindruck, daß die Erschaffung eines Golems als eine ähnliche Verbindung angesehen wurde, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Golem-Schöpfer trat dann als ein magischer König in eine quasi-sexuelle Beziehung zur Erde ein und zeugte mit ihr ein neues Geschöpf, den Golem! Die Elementarkräfte, die den Golem zu einer vitalen Gestalt werden ließen, entstammten dann direkt der Erde, während der Magier mit dem Einhauchen nur noch eine Art Geist einfließen ließ, der den Golem zu einem

menschenähnlichen und verständigen Wesen machte[8]. In den jüdisch-kabbalistischen Quellen gibt es keinen Hinweis darauf, daß das Golem-Ritual wirklich sexualmagische Formen angenommen hat, z.B. indem der Magier sein eigenes Sperma zur "Befruchtung" der "jungfräulichen" Erde verwendete. Dieser Gedanke mutet sehr weit hergeholt an, ist es aber kaum, denn in einem naheliegenden Bereich der mittelalterlichen Magie fand er weite Verbreitung - der alchemistischen Erschaffung eines Homunculus!

 

Homunculi heißen bei Paracelsus vor allem die puppenähnlichen Figuren aus Wachs, Lehm oder Pech, die ganz im Sinne der heute mehr aus dem Voodoo bekannten Techniken beim Schadenszauber verwendet wurden. Auch sie sind mit Golems vergleichbar, d.h. rohe unbelebte Formen, die mit Hilfe magischer Methoden in ein energetisches Abbild desjenigen verwandelt werden, der aus der Ferne manipuliert werden soll. Zu einer eigenständigen Lebensform dieser Figuren kommt es dabei allerdings nicht. Doch bietet Paracelsus allen Ernstes auch ein Rezept oder eine Methode an, einen Homunculus als künstlichen Menschen aus der Retorte herzustellen:

 

"Wie aber solches zugehe und geschehen mag, ist nun sein Proceß also: nämlich daß das sperma eines Manns im verschlossenen Cucurbiten per se mit der höchsten Putrefaction[9], ventre equino, auf vierzig Tag putreficiert werde, oder so lang, bis es lebendig werde und sich bewege und rege, was leicht zu bemerken ist. Nach dieser Zeit wird es einem Menschen einigermaßen gleich sehen, doch durchsichtig, ohn ein Corpus. Wenn es nun nach diesem täglich gar weislich mit dem arcano sanguinis humani[10] gespeist und bis auf vierzig Wochen ernährt wird, und in steter gleicher Wärme ventris equini erhalten, wird ein recht lebendig menschlich Kind daraus, mit allen Gliedmaßen wie ein ander Kind, das von einem Weibe geboren wird, doch viel kleiner. Das selbige nennen wir ein homunculum, und es soll hernach nit anders als ein ander Kind mit großem Fleiß und Sorg auferzogen werden ..."[11]

Nachfolgende Adepten, wie z.B. Johannes Praetorius, probierten offenbar die Paracelsische Vorschrift aus, scheiterten und verdammten alles als baren Unsinn. Doch so einfach ist es wiederum nicht, wenn man bedenkt, daß die Alchemie nicht einfach nur äußeres “chymisches" Arbeiten bedeutet, sondern vielmehr ein inneres Durchlaufen eines geistigen und spirituellen Reifeprozesses. Paracelsus war ein sorgfältig arbeitender Mann mit nachgewiesenermaßen großen Fähigkeiten und man sollte nicht von vornherein denken, daß er nicht wußte, wovon er schrieb. Schließlich gibt das Wort Alchemie selbst einen Hinweis auf die Kräfte, mit denen auch gearbeitet wurde - Al-Schem: der Name Gottes!

Goethe hat das Homunculus-Rezept in seinem zweiten Teil des “Faust" aufgegriffen und in der berühmten Laboratoriumsszene mit dem Famulus Wagner ausgestaltet[12].

Im Gegensatz zu den historischen Berichten zum Golem muß der Homunculus zwingend in einem (abgeschlossenen) Gefäß erzeugt werden. Da Sperma verwendet wird, kann man regelrecht von der Nachbildung einer natürlichen Schwangerschaft in einer künstlich-mechanischen Umgebung sprechen, eine recht wahnwitzige Idee, wie sie von manchem modernen Frankenstein in der Tat immer noch geträumt wird. Es gibt jedoch einen seltenen, bei Scholem dokumentierten Bericht, der lange vor Paracelsus auch in kabbalistischen Kreisen die Verwendung eines "künstlichen Uterus" bezeugt. Ein gewisser Girondi aus Barcelona spricht dort in einem Talmud-Kommentar von den "Gelehrten in Deutschland, die fast tagtäglich mit Dingen der Dämonologie zu tun haben. Sie bestehen darauf, daß dies [das heißt: solche Herstellung eines Menschen] gerade in einem Gefäß geschehen muß."[13] Ein recht ähnliches Verfahren wendet noch ein berühmter Magier der Neuzeit, Austin Osman Spare, an, indem er einer Urne mit einem Talisman oder einer entsprechenden Sigil darin sein Sperma hinzufügt, sie verschließt und bei Nacht an einem Kreuzweg vergräbt.[14] Auch hier soll die Prozedur gewissermaßen ein astrales Wesen in der Erde erschaffen (zeugen), das dann für die gewünschte Realitätsbeeinflussung sorgt.

 

3. Lebende Statuen

 

In der jüdischen Kultur gab es immer eine merkwürdige, ambivalente Haltung zu Kultbildern, Götter- oder anderen Statuen, Bildnissen etc. Die Vorschriften der Thora verboten es den Juden von jeher, sich ein "Abbild" ihrer Gottesvorstellung anzufertigen; bei den heidnischen Völkern im "Gelobten Land" jedoch war dies gängige Praxis. In der jüdischen Tradition bildete sich hier und da die Anschauung heraus, diese Kultstatuen seien soetwas wie belebte Golems. Die Frage, die sich aus dieser Idee heraus stellte, war, durch welche Kraft die polytheistischen "Götzenbilder" belebt wurden.

Im Talmud wird von Gechazi berichtet, "er hätte dem Stierbild des Jerobeam, von dem im Buch der Könige (I, 12:28) die Rede ist, einen Gottesnamen in den Mund geschnitten, worauf das Bild die ersten Worte des Dekalogs gesprochen hätte: Ich bin dein Gott, und: Du sollst keinen anderen haben." [15]

Aus dieser und ähnlichen Geschichten resultiert die eine Position, daß selbst die heidnischen Kultobjekte ihre heilige Kraft aus dem Namen des Einen bezogen. Andere waren diametral entgegengesetzt dazu der Meinung, daß teuflische Mächte, insbesondere Satan selbst, Samael oder Lilith für die Belebung der fremden Götter zuständig waren. Diese Zwiespältigkeit tritt auch bei der Einschätzung der Sachlage des berühmten Goldenen Kalbes zutage, dem die israelitische Gemeinde bei Abwesenheit von Moses in kürzester Zeit verfiel. Außerhalb des Judentums erfreuten sich Mythen und Legenden von belebten oder sprechenden Statuen einer ausgesprochenen Beliebtheit. Die Geschichte des Königs und Bildhauers Pygmalion, der sich in eine seiner Statuen verliebte, die schließlich von Aphrodite belebt wurde, gehört sicher zu den bekanntesten.

Noch aus der Antike heraus und bis weit ins europäische Mittelalter hinein gehören Berichte von künstlichen Menschen, Automaten, sprechenden Bildern und Köpfen zum festen Bestandteil von Aberglauben, Volksreligion, -dichtung und -sagen[16]. Viele dieser überlieferten Geschichten ranken sich auch um recht berühmte legendäre oder gar historische Persönlichkeiten wie den Zauberer Vergilius[17], um Faustus oder den großen Albertus Magnus, dem man nachsagte, nach 30 Jahren magischer Arbeit ein künstliches Mädchen geschaffen zu haben, das ihm ein unvorsichtiger Schüler schließlich zerstörte[18]. Aus dem heutigen Blickwinkel einer Gesellschaft, in der Roboter, Computer und Automaten zum täglichen Leben gehören, erscheint dieser obskure Vorstellungskomplex des Mittelalters wie eine gigantische kollektiv-prophetische Vorwegnahme späterer technischer Entwicklungen.[19]

Aufgrund des Umfangs dieses speziellen Themas kann ich nur auf die offensichtliche Verwandtschaft und Nähe zum Golem-Thema und entsprechende Literatur verweisen.[20]

 

4. Zombies und lebende Tote

 

Aus den "technisch-magischen" Berichten über Golem-Schöpfungen sticht einer hervor, in dem der fertig geknetete Golem zuerst (ganz wie Spares "befruchtete" Urne) in der Erde vergraben wird, aus der er dann mittels magischer Beschwörungen und Rezitationen als lebendiges Wesen ersteht.[21] 

Schon aus dem 11. Jh. stammen Legenden um die kabbalistischen Mystiker Aharon aus Bagdad und den Rabbi Chananel, in denen Tote auftreten, die mit Hilfe des bekannten Golem-Verfahrens (Gottes-Name auf Pergament unter die Zunge oder ins Fleisch eingenäht) ins Leben zurückkehren. Beide Schilderungen lassen die ursprünglichen Golems zu regelrechten Zombies werden, Tote,

die mit "schwarzer" Zauberei aus ihren Gräbern zurückgeholt werden. Ganz wie Golems gehorchen auch Zombies ihrem Schöpfer, erledigen Aufträge oder lästige Arbeiten, sind aber ansonsten ohne eigenständigen Geist und handeln automatisch.

 

5. Der Doppelgänger/Die androgyne Vision

 

Zum Thema des Golems als mystischen Doppelgänger des Menschen ist bereits im ersten Teil der Artikelserie einiges geschrieben worden. Auch in der herkömmlichen Literatur ist das Motiv des Doppelgängers rege aufgegriffen worden[22]. Häufig ist das Erscheinen des Doppelgängers für den jeweiligen Menschen ein beunruhigendes, erschreckendes oder initiatorisches Ereignis. Gelegentlich tritt der Doppelgänger auch als warnendes, führendes oder begleitendes Wesen auf, sodaß man Parallelen zum Konzept des Heiligen Schutzengels zu ziehen geneigt ist. In Meyrinks Roman "Der Golem" beginnt sich das Leben des Haupt-Protagonisten dadurch zu ändern, daß er durch Verwechslung einen fremden Hut aufsetzt. Der Hut trägt die Initiale "I", was als Initiation oder Ibbus (d.h. befruchtete Seele) gedeutet wurde. Der Roman endet in einer androgynen Vision, in der eine mystische Hochzeit mit dem weiblichen Seelenteil beschrieben wird. Dies deutet darauf hin, daß Meyrink den alchemistischen Komplex der Heiligen Hochzeit sehr wohl mit seinen Gedanken zum Wirken des Doppelgängers/Schutzengels zu verbinden wußte. Die wiedergeborene, initiierte Seele vermählt sich mit dem vorher abgetrennten Geist und bildet den "vervollständigten Menschen", von dem auch Crowley schreibt. In diesem Sinne stellt sich die Entdeckung oder "Belebung" des eigenen Golems als Verschmelzung von männlichen und weiblichen Persönlichkeitsanteilen dar, so wie sie nicht zuletzt in der Psychologie C. G. Jungs zutage tritt. Dabei dürfte es mit der Zeit zu einer synkretistischen Vermischung verschiedener Ideen (Golem, Doppelgänger, Anima, Schatten, Schutzengel, Dämonen usw.) gekommen sein, wie sie besonders für den Okkultismus neuerer Prägung typisch ist. Die Beziehung zum eigenen Schatten als Doppelgänger-Beziehung zu sehen, verweist auch noch einmal auf jenen dunklen Gesellen, der schon Faustus auf seiner Lebensreise begleitete: Mephisto oder Luzifer - jener unruhige Geist, der den Menschen zu einem individualistischen Weg zu mehr Erkenntnis und Erfahrung antreibt und die Bearbeitung der dunklen und tiefen Aspekte des menschlichen Wesens nicht unbeachtet lassen möchte. In Meyrinks "Golem" wird die Hauptfigur, jener Athanasius Pernath, durch

den geheimnisvollen jüdischen Mystiker Hillel durch seine persönliche "Golem-Krise" geführt. In einer hebräischen Übertragung des Namens Hillel erhält man llyh mit dem Zahlwert 75. Eine der Korrespondenzen zu 75 ist Luzifer und Morgenstern!

Gleich welche Deutung oder Vorstellung nun jeder in Betrachtung des Golem-Phänomens favorisiert, bleibt doch niemandem dieser persönliche, in letzter Konsequenz einsame Weg erspart, der (zumindest in unserem gewöhnlichen Bewußtsein) mit der Geburt in diese Welt begann und - ja wohin führt? Unsere Realität, im Grunde genommen jedoch nur die Sichtweise, die wir dieser Realität gegenüber einnehmen, bleibt auf eine gewisse, unzerstörbare Weise mit Dualismen verbunden. Vielleicht tritt uns in der Golem-Schöpfung und im Motiv des Doppelgängers eine Möglichkeit zur Transzendierung dieser Dualismen entgegen, ein Weg, der von der strengen Trennung von Bewußtsein und Höherem Selbst wegführt - hin zu Verbindung, Kommunikation, Erkenntnis, Vervollkommnung ganz im Sinne der Forderung des Neuen Äons: Homo est Deus!

 

"Als Gott das erste Lehmmodell eines Menschen schuf, malte er die Augen darauf, die Lippen und das Geschlecht. Dann malte er den Namen jedes Menschen darauf, damit ihn sein Besitzer niemals vergessen sollte. Wenn Gott seine Schöpfung gefiel, erweckte er das bemalte Lehmmodell zum Leben, indem er seinen eigenen Namen darauf schrieb." Japanischer Text aus dem Film "Die Bettlektüre" von Peter Greenaway

 

In seiner autobiographischen Arbeit "Die Verwandlung des Blutes" schreibt Meyrink: "Sechsunddreißig Jahre sind es her, daß ich jene vermummte, geheimnisvolle Gestalt hinter den Kulissen des Lebens zum ersten Mal ahnte. Sie gab mir stumme Zeichen, die ich lang, lang nicht verstand; ich war noch zu jung, um zu erfassen, was mir die Gestalt sagen wollte. Das Spiel der Komödianten auf der Bühne nahm mich noch zu sehr gefangen."  Zit. nach F. Smit, Gustav Meyrink

 

 

 

Ende

 

 

 

 

 

***

 

 

 

 

Paul Struck, Triptychon der klassischen Walpurgisnacht, Faust II

v. J.W.Goethe, 1975/76, linker Außenflügel

 

 

Anmerkungen:

 

[1] Zu beachten ist, daß im Hebräischen keine Vokale geschrieben werden. Die Schriftrichtung ist von rechts nach links! [Zurück]

[2] Siehe A. Crowley, Sepher Sephiroth. In: A. Crowley, Liber 777 und andere kabbalistische Schriften, Kersken-Canbaz-Verlag, Bergen, ab S. 279

[Zurück]

[3] dva, AVD, das magische Feuer von Licht, Leben und Liebe ergibt 11. Für den luftigen Geist kann a, Aleph, stehen (Zahlenwert 1). Aleph bedeutet Ochse und verkörpert schöpferische Lebenskraft und ist im Tarot dem Narr (0) zugeordnet. -> 10 + 1 = 11, die Zahl der Magie. [Zurück]

[4] Fred Hageneder, Geist der Bäume, Saarbrücken 1998, S. 32 [Zurück]

[5] Das Wort Edem ist eine Zusammenziehung aus Adama, Erde und Eden! [Zurück]

[6] Gershom Scholem, Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen, in: Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Frankfurt/M. 1992, S. 216 [Zurück]

[7] Eine schöne Prosa-Beschreibung einer solchen Hochzeit findet sich in dem Roman “Die Nebel von Avalon" von M. Zimmer-Bradley. [Zurück]

[8] Die kabbalistischen Texte sprechen von chijjuth, Vitalität oder Lebenskraft und neschamah, Seele. [Zurück]

[9] "Fäulnis", bei steter Wärme und Feuchtigkeit “faulen" lassen [Zurück]

[10] gemeint ist menschliches Blut [Zurück]

[11] Aus: Paracelsus, De generatione rerum naturalium In: Künstliche Menschen, hrsg. Von Klaus Völker, 1. Bd., München 1971 [Zurück]

[12] In dieser Szene spricht der hinzugekommene Mephistopheles folgende denkwürdige Sätze: Wer lange lebt, hat viel erfahren. Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn. Ich habe schon in meinen Wanderjahren Kristallisiertes Menschenvolk gesehen. [Zurück]

[13] Scholem, S. 252 [Zurück]

[14] Grant berichtet davon in seiner "Wiederbelebung der Magick" (Rita Ruther Verlag) [Zurück]

[15] Scholem, S. 236 [Zurück]

[16] Siehe auch Homer, Ilias XVIII 417-420; Lucian, Der Lügenfreund, Kap. 55 u.v.a. Goethes belebter Besen des Zauberlehrlings ist von diesen weit verbreiteten Vorstellungen nur ein später Abklatsch. [Zurück]

[17] K. L. Roth, Über den Zauberer Vergilius, Pfeiffers Germania, Bd. 4, S. 257-298 [18] Joachim Sighart, Albertus Magnus, 1857, S. 71f [Zurück]

[19] ... oder ein kollektives Gedächtnis, eine Wiedererinnerung an Errungenschaften uralter, vergan-gener Hochkulturen? [Zurück]

[20] Völker, Klaus (Hg.): Künstliche Menschen. Dichtungen & Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und lebende Statuen, 2 Bände, Herrsching, Pawlak TB, München 1971, Reihe: Bibliothec Dracula [Zurück]

[21] sog. Handschrift des Pseudo-Saadia im British Museum, nach Scholem, S. 241 [Zurück]

[22] Z.B. in Hans Ludwig Held, Das Gespenst des Golem, München 1927. Eine bekannte Doppelgänger-Geschichte ist z.B. "William Wilson" von E. A. Poe [Zurück]